Tödlicher Lärm vor Ibiza – Akustischer Müll bedroht unsere Meere und seine Bewohner

Von martina monti, 8. September 2014
©OceanCare/Dolphin Biology

So stellen wir uns das Meer vor: sauberes Wasser, Stille, intakte Tierwelt. Doch die Realität sieht anders aus. (©OceanCare/Dolphin Biology)

Wenn es um Natur- und Artenschutz geht, hat das Meer bei uns schlechte Karten. Denn die Anzeichen dafür, dass dieses komplexe Ökosystem gefährdet ist, sind nur selten sichtbar. Und von daher in ihrer Bedeutung auch nur schwer zu vermitteln. Ab und zu stranden irgendwo auf der Welt Wale oder Delfine, dann bekommen wir vielleicht eine Ahnung davon, wie tiefgreifend die Schäden sind, die durch unseren Umgang mit den Meeren verursacht werden. Schrecklich, wenn man sieht, wie hilflos diese wunderbaren Tiere dem Ersticken ausgeliefert sind. Aber Gott sei Dank fängt die Fernseh-  oder Smartphone-Kamera auf eine Gruppe Menschen, die gegen den Tod der Tiere ankämpfen, sie mit vereinten Kräften ins Meer zurückschaffen, wo sie unter Wasser verschwinden – und mit ihnen unser Bewusstsein für die Dringlichkeit der Problematik.

© OceanCare_Yvonne Horisberger

Stündlich (!) landen 580 Tonnen Plastik im Meer. 80 Prozent davon stammen vom Festland. (© OceanCare_Yvonne Horisberger)

(© BDMLR_Ross Flett)

Eine tödliche Falle: alte Fischernetze, die im Meer entsorgt werden (© BDMLR_Ross Flett)

Das Meer hat ein langes Gedächtnis. Die Konsequenzen unserer Eingriffe in seine Zusammenhänge sind mit blossem Auge gar nicht oder erst sehr spät sichtbar. Wir können schliesslich weiter an Stränden unsere Ferien verbringen, die frühmorgens durch das Hotelpersonal vom zivilisatorischen Unrat gereinigt wurden. Dass wir in einem Meer schwimmen, das als Müllhalde missbraucht wird, ja, die Bilder haben wir sicher alle schon gesehen von dem Müll- und Plastikteppich, der irgendwo da draussen schwimmt und wir haben davon gehört, dass trotz Verbot immer noch Dünnsäure, Schwerölrückstände und Atommüll ins Meer gelassen wird, schrecklich, nein wirklich, und die armen ölverschmierten Vögel, furchtbar. Aber solange es noch Fische gibt und der Sandstrand vor dem Hotel piccobello ist, kanns so schlimm insgesamt ja auch wieder nicht sein. Nur: Dass das Leben der Meeresbewohner durch den vom Menschen verursachten Lärm mindestens genauso bedroht ist, bleibt uns am Strand verborgen (die Lärmverschmutzung des Meeres hat sich in den vergangen 60 Jahren in jedem Jahrzehnt verdoppelt!). Wie schlimm es tatsächlich ist, das werden wir als Letzte merken, denn der Mensch steht am Ende der globalen Nahrungskette. Meist ist es dann auch schon zu spät, sind die Schäden nicht oder nur sehr schwer reparabel. (Die Broschüre „Im Lärm ertrinken“ gibt einen Überblick über Ursache und Wirkung der Lärmverschmutzung der Meere, und darüber, was zu tun ist.)

©OceanCare / Silent Oceans

Die Meeresbewohner sind für Orientierung, Kommunikation und Beutefang auf das Gehör angewiesen. Doch in den Ozeanen wird es immer lauter. (©OceanCare)

Es muss also darum gehen, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Eine der Organisationen, die sich dafür einsetzt, ist OceanCare. Seit 25 Jahren existiert diese Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich dem weltweiten Schutz der Meeressäuger und Ozeane verschrieben hat. Hierfür kooperiert sie rund um den Globus mit führenden Wissenschaftlern in Schutzprojekten und bringt die Forschungsresultate in alle wichtigen internationalen Gremien ein. Mitbegründerin und seit 1993 Präsidentin ist die St. Gallerin Sigrid Lüber. Die Anerkennung, die OceanCare weltweit geniesst, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass ihre Präsidentin in den internationalen Gremien eine gefragte Expertin ist: Als einzige Beobachterin einer Schweizer NGO nimmt sie seit 1992 an Konferenzen der Internationalen Walfangkommission (IWC) teil; seit 1997 ist sie Beobachterin beim Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES); seit 2004 ist sie in allen für das Seerecht relevanten UN-Gremien aktiv. Und seit 2011 hat OceanCare den Status einer UN-Sonderberaterin für den Meeresschutz. OceanCare hat die Bedrohung der Meeresbewohner durch von Menschen verursachten Lärm bereits früh erkannt und 2002 die Kampagne Silent Oceans gegen Unterwasserlärm lanciert, die heute von 19 internationalen NGOs mitgetragen wird. Doch die Gegner dieser Kampagne sind finanzstark und beanspruchen für sich, im Interesse des globalen wirtschaftlichen Wachstums zu handeln – in Zeiten grosser Zukunftsunsicherheit ein stärkeres Argument denn je. Und dieses Wachstum benötigt Öl oder Gas.

Seit wir wissen, dass die Rohstoffvorkommen auf dem Festland endlich sind, sind die Meere noch stärker in den Fokus der globalen Industrien und einzelnen Nationen geraten. Die Energielieferanten Öl- und Gas sind hier von besonderem Interesse. Um festzustellen, wo sie vorkommen, werden seismische Druckluftkanonen eingesetzt. Mit verheerenden Folgen für die Unterwasserwelt der Meere, um das zu wissen muss man keine Meeressbiologin sein. Es reicht die Funktionsweise dieser Kanonen zu kennen: Luft wird mit hohem Druck Richtung Meeresboden ins Wasser gejagt. Der dabei entstehende Explosionsschall von 260 Dezibel (was der doppelten „Lärmmenge“ eines Düsenjägers entspricht) durchdringt das Meereswasser auf eine Länge bis zu 3000 Kilometern, bevor er bis hundert Kilometer weit in den Boden eindringt. Bis zu 20 Kanonen werden gleichzeitig abgefeuert. Jede von ihnen generiert alle 10 Sekunden diese 2fache Düsenjäger-Schallemission und dies 24 Stunden pro Tag, oft über Wochen im selben Gebiet. Mit Hydrophonen wird das Echo abgehört und ausgewertet. Dieses Verfahren ist für viele Meeresbewohner eine tödliche Bedrohung, allen voran für Delfine, Wale und kommerziell genutzte Fischarten.

Kartographie der Lebensgefahr: Das Mittelmeer wird durch unsere Nutzung für die Meeresbewohner zur Hochrisikozone (©OceanCare)

Kartographie der Lebensgefahr: Das Mittelmeer wird durch unsere Nutzung für die Meeresbewohner zur Hochrisikozone (©OceanCare)

Aktuell weckt das Öl- und Gasvorkommen vor den Balearen das Begehren u.a. der britischen Ölfirma Cairns Energy. Bei dem von den  Druckluftkanonen bedrohten Gebiet handelt es sich um äusserst fragile Ökosysteme, die zahlreiche Schutzgebiete beinhalten. Kommt hinzu, dass es durchaus umweltschonendere Alternativen zu dieser verheerenden Sondierungstechnik gäbe. Doch die Ölfirmen weigern sich, hierfür Geld auszugeben. Im Fall der Balearen dürften die Auswirkungen für einmal auch nicht an den Touristen auf den sauberen Stränden sang- und klanglos vorübergehen. Besonders betroffen von den Auswirkungen der Ölerschliessung würden Ibiza und Mallorca sein.

Es mag zynisch klingen, aber vielleicht ist es auch eine Chance, dass mit diesen beiden Inseln touristische Hotspots betroffen sind und nicht zwei „No-Name-Inseln“ irgendwo in den Weiten des Ozeans. Denn so kann man sich wenigsten der Aufmerksamkeit zweier Gruppierungen sicher sein: der Touristen (aus Angst um ihr Urlaubsparadies) und der spanischen Tourismusindustrie (aus Angst vor ausbleibenden Touristen, lies: Einnahmen). Und OceanCare ist es gemeinsam mit AVAAZ – der 37 Millionen Mitglieder zählenden globalen Bürgerbewegung – gelungen, dem Tourismusmekka Spanien bewusst zu machen, dass seine Angst begründet ist: Eine von 150 000 Protestunterschriften aus dem deutschsprachigen Raum getragene Petition übergaben Delegierte beider Organisationen Anfang August an hochrangige Vertreter des spanischen Umweltministeriums. Inhalt der Petition: die Forderung, der Suche nach Ölressourcen in den fragilen Gewässern vor den Balearen eine Absage zu erteilen. Die Organisationen unterstützen mit der Aktion die von der lokalen Bevölkerung ausgehende Protestbewegung „Allianza Mar Blava“.

Sigrid Lüber, Mitbegründerin und Präsidentin von OceanCare

Sigrid Lüber, Mitbegründerin und Präsidentin von OceanCare

Ich habe einerseits bei Sigrid Lüber nachgefragt, wie Sie Stellenwert und Chancen der Petition einschätzt, und ob es seit der Übergabe bereits irgendwelche News gibt.

Sigrid Lüber, mit welchen Gegenargumenten sehen Sie sich bei dieser Petition konfrontiert?
Stärkstes Argument der Gegenseite ist mit Sicherheit die ökonomische Situation Spaniens und die Möglichkeit mit der Vergabe von Ölförderlizenzen viel Geld zu verdienen. Dazu kommt der steigende Energiebedarf der Bevölkerung für dessen Deckung das Energieministerium auch verantwortlich ist.

Geld, Energie und Arbeitsplätze – also insgesamt wirtschaftliches Wachstum für ein Land, das seit Jahren unter einer Krise und daraus resultierenden Sparmassnahmen leidet. Mit welchen Argumenten sind Sie angesichts dieser schwierigen Ausgangslage nach Spanien gereist?
Neben der Tatsache, dass Lärm Meerestiere aus angestammten Gebieten vertreiben, verletzten und töten kann, haben wir am Meeting mit dem spanischen Umweltamt auch betont, dass Ölbohrtürme vor der Küste dieser äusserst beliebten Ferieninseln dem Tourismus – wichtigster Industriezweig Spaniens – schaden wird. Wir haben auch auf die sozio-ökonomischen Folgen im Fischfang hingewiesen, weil wissenschaftlich erwiesen ist, dass nach seismischen Tests die Fischfangquoten um 40 – 80 % einbrechen. Hier ein interessantes Video-Interview mit einem norwegischen Fischer der erzählt, dass in einem Gebiet in den Lofoten wo seismische Explorationen gemacht wurden, sogar drei Jahre nach dem letzten Schuss aus den Druckluftkanonen, die Fische nicht zurück gekehrt sind.

Zudem sind die Balearen wichtiger Laichgrund für den Blauflossen Thunfisch. Die wertvollste Thunfischart. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Blauflossen Thunfisch seine Migrationsroute bereits aufgrund von Schiffsverkehr ändert. Seismische Explorationen sind unvergleichbar lärmintensiver als Schiffsverkehr.

Warum glauben Sie, dass das spanische Umweltministerium in der gegenwärtigen ökonomischen Situation ein offenes Ohr für Ihre Anliegen habe könnte?
Weil Spanien sehr wohl um den unschätzbaren Wert des Meeres weiss und zu dessen Schutz trotz der Krise nicht untätig geblieben ist. So hat dieses Land zum Beispiel eine Vorreiterrolle in Sachen Militärsonar und Schutz der Schnabelwale vor Lärm eingenommen. Spanien ist nämlich das einzige Land der EU, welches das vom EU Parlament 2004 beschlossene Moratorium für Militärsonar sofort umgesetzt hat und im Umkreis von 50 Meilen um die Kanarischen Inseln ein Verbot des Einsatzes von Militärsonar erlassen hat. Seither gab es auch keine Strandung mehr. Vor kurzem hat Spanien einen Antrag für den Schutz der Schnabelwale im Rahmen der Bonner Konvention für wandernde Tierarten lanciert, der im November als EU Antrag – also von 28 Ländern unterstützt ist – an der Vertragsstaatenkonferenz verhandelt wird. Diese Vorreiterrolle steht im Widerspruch mit den geplanten Öl Explorationen. Darauf haben wir hingewiesen.

Ainhoa Pérez Puyol, Vertreterin des spanischen Umweltministeriums, erhält von Sigrid Lüber die Petition von OceanCare und AVAAZ. (©OceanCare)

Ainhoa Pérez Puyol, Vertreterin des spanischen Umweltministeriums, erhält von Sigrid Lüber die Petition von OceanCare und AVAAZ. (©OceanCare)

Wie war die Stimmung bei diesem Treffen, was ist Ihr Eindruck?
Wie ernst die spanische Regierung dieses Thema und die Petition nimmt, lässt sich an der hochkarätigen Delegation abmessen, die wir getroffen haben. Insgesamt dauerte das Treffen mehr als eineinhalb Stunden, und wir hatten den Eindruck, dass die Vertreter des Umweltministeriums unsere Sorge teilen und es begrüssen, dass sie die Petition mit den enorm vielen Unterschriften an das Energie- und Tourismus Ministerium weiterreichen können. Besonders auch die Argumente betreffend der negativen Einflüsse auf den Tourismus und die Einbussen in der Fischerei werden da ein nochmaliges Nachdenken fördern. Wie gesagt, das stärkste Argument für die Bewilligung der Suche nach Öl- und Gasvorkommen ist natürlich die schwierige ökonomische Situation, in der sich Spanien immer noch befindet. Dieses Thema haben wir auch aufgegriffen und bilateral und informell mit einer der Teilnehmenden weitergeführt. Den grossen Firmen in Spanien geht es ein bisschen besser, aber dies anscheinend aufgrund von Massnahmen wie niedrigere Löhne, etc. Das spanische Volk bezahlt einen sehr hohen Preis. Und da ist die Hoffnung, die ökonomische Situation mit der Vergabe von Ölförderlizenzen zu verbessern halt schon sehr gross.

Wie steht es angesichts dessen um die Chancen der Petition?
Meiner Ansicht nach besteht eine intakte Chance, die Ölsuche zu verhindern.

Zweckoptimismus?
Durchaus nicht. Ein grosser Erfolg wäre bereits, wenn wir strengere Auflagen für dieses Projekt erwirken können. Wie beispielsweise zeitliche und räumliche Verbote, Verbote für gewisse Zonen, Pufferzonen um sensible geschützte Gebiete besser zu schützen, alternative weniger schädliche Methoden wie z.B. Marine Vibroseis zu verwenden anstelle von Druckluftkanonen – damit hätten wir dann einen  Präzedenzfall, den wir bei Verhandlungen anderer Projekte heranziehen können. Und wenn die Petition erfolgreich ist, dann ist die Signalwirkung selbstverständlich noch um einigse grösser.

Eine zumindest geografisch naheliegende Frage: Was geht diese Thematik eigentlich das Binnenland Schweiz an?
Die Schweiz ist zwar ein Binnenland, hat aber viel mit dem Meer zu tun, wenn man genauer hinschaut. Wir sind eine grosse Segler- und Tauchernation, die meisten Menschen in der Schweiz verbringen einmal jährlich Urlaub am Meer und da bietet sich das Mittelmeer sehr an, weil man in vier Stunden schon an der Küste Liguriens sein kann. Ölsuche und Ölförderung geht uns gleich doppelt etwas an. Je wärmer wir unsere Wohnungen beheizen, damit wir im Winter im T-Shirt herumlaufen können, umso mehr Öl wird verbraucht und je mehr Plastiksäcke und andere Kunststoffverpackungen wir verbrauchen, umso mehr Öl braucht es auch dazu. Wir sollten also nicht nur gegen die Ölsuche protestieren, sondern auch selber etwas tun, den Verbrauch zu reduzieren. Die Schweiz hat mit 33 Schiffen von allen Binnenländern die grösste Handelsflotte auf den Ozeanen. Ein Grossteil unserer Verbrauchsgüter kommt über den Seeweg in die Schweiz. Und die Schweiz ist Mitglied aller relevanten internationalen Abkommen und die Stimme der Schweiz hat dasselbe Gewicht wie die Stimme von Meeresanrainerstaaten. OceanCare hat UNO Sonderberaterstatus in Meeresbelangen und ist die Verpflichtung eingegangen international im Meeresschutz tätig zu sein. OceanCare wird fast vollständig von in der Schweiz lebenden Privatpersonen finanziert.

Abschliessend ein Wort zum aktuellen Stand der Petition: Wie geht es weiter, und kann man sie noch unterstützen?
Die Vernehmlassungsfrist wurde verlängert, so dass wir unsere Eingabe noch machen konnten. Sie befindet sich jetzt in der Review Phase.
Auf www.silentoceans.org kann der Appell immer noch unterzeichnet werden. Wenn wir nachfassen bei der spanischen Regierung, dann ist es für uns wichtig, sagen zu können, dass seit dem Meeting in Madrid so und so viele zusätzliche Unterschriften eingegangen sind.

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