Basi&ich: Die tröstende Kraft der Polygamie

Von martina monti, 27. Juli 2014

Glück aus dem Tierheim_claimSeit bald einmal zwei Jahren teilen wir Sofa, Kühlschrank und Zeit mit Basi alias Basinski alias Dicker, Stinkelotte, Rüpel, Grosser, Nuss, Dödelinski, kleiner Büffel. Und seither drücke ich die Schulbank in der Hundeschule für Menschen. Basi ist ein Rottweilerrüde aus dem Pfötli in Winkel bei Zürich, dem Tierheim, in dem ich seit zehn Jahren ehrenamtlich arbeite. Mit Basi habe ich mich für einen sehr guten Lehrer entschieden. Er ist anspruchsvoll, streng, aber immer gerecht. Und hat eine Menge Humor. Vielleicht die allerwichtigste Lektion: In der Hundeschule für Menschen gibt es keinen Abschluss  – man lernt nie aus. Vor und hinter mir liegen viele Fortschritte, einige Rückschritte und Enttäuschungen, aber vor allem: Gassigehen auf dem Lebensweg mit Basinski. Meinem Glück aus dem Tierheim.

„Ich hab hier jemanden, mit dem wirst du dich sehr gut verstehen“ – diese SMS erhielt ich im Januar 2010 von Chrigi, der damaligen Pfötlileiterin, und ich habe sie bis heute aufbewahrt. Ohne zu wissen, dass die Kurznachricht der Anfang vom Ende meines hundelosen Lebens sein würde. Was ich aber damals sofort wusste: Es konnte sich bei diesem „jemand“ nur um einen Rottweiler handeln. Denn seit Odin wurde die wegen der stets in der Tasche befindlichen Bestechungsration Cervelat „Würstlifrau“ genannte Hundevrrückte unter neuem Namen im Pfötliteam geführt: die Rottifrau.

Tatsächlich hatte mich der eigensinnige Granitschädel Odin mit dem Virus rotticus infiziert. Die Symptome waren eindeutig und zeigten sich schlagartig, als er nach langem Warten endlich seinen neuen Platz gefunden hatte: ich fühlte mich wie damals, als meine erste grosse Liebe Alexander mich wegen der pummeligen Marion sitzen liess –ich hatte Liebeskummer. Natürlich war ich gleichzeitig auch überglücklich, denn Odin würde in ein Zuhause kommen, das menschlich und was alle sonstigen Rahmenbedingungen betraf, perfekt zu ihm passte, ein Traumplatz. (Das dachte ich seinerzeit übrigens über Marion nicht.) Und es war letztlich von Anfang an klar gewesen, dass ich Odin unmöglich würde zu mir nehmen können: ich wohnte zur Miete, Hunde waren verboten – ein Rottweiler sicher noch verbotener – und ich arbeitete 100%. Aber ich heulte ihm beim Abschied trotzdem Rotz und Wasser ins Fell.

Meine erste grosse Pfötliliebe Odin

Meine erste grosse Pfötliliebe Odin: Der Abschied von ihm trieb mich erst einmal in die „Vielhünderei“

Es war dann eine Kollegin auf der Redaktion, die mir den klugen Rat gab, meine ganze Zuneigung nicht mehr einem einzigen Hund zukommen zu lassen, sondern auf alle Pfötli-Schützlinge zu verteilen. Es also einmal mit Polygamie zu versuchen. Am darauffolgenden Wochenende heuerte ich im Pfötli als Freiwillige in der Hundebetreuung an.

Von da an war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hatte nicht nur einen Hund um mich, sondern gleich einen ganzes Rudel. Wenn auch nur am Wochenende, aber davon zehrte ich die restlichen Tage. Meine Hunde waren gross, klein, mutig, ängstlich, jung und alt, anschmiegsam und menschenscheu, einfach oder problematisch, vereinzelt brachten sie eine schwierige Vergangenheit mit, bei manchen kannten wir die Vorgeschichte nicht, für nicht wenige war das Pfötli die Rettung, viele wurden in unsere Hände gegeben, weil die Besitzer mit ihnen überfordert waren. Allen Hunden war jedoch gemeinsam, dass sie, aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen, mit einem vorläufigen Leben im Tierheim zurecht kommen mussten. Und ich war noch so glücklich, ihnen dabei – soweit ich konnte – zu helfen. Dabei lernte ich enorm viel vom Pfötliteam, vor allem über den Umgang mit problematischen Hunden, die in meiner heilen kleinen Welt bis dahin gar nicht vorgekommen waren. Ich besuchte Seminare, las Unmengen von Büchern. Aber die besten und strengsten Lehrmeister waren „meine“ Hunde in ihrer grossen Vielfalt.

Und ich liebte jeden einzelnen von ihnen. Was nicht hiess, dass ich mit allen die selbe harmonische Beziehung führte. Die für mich grösste Herausforderung waren die Vertreter der Abteilung Jagdhund. Innerhalb des Tierheims kaum auszulasten, erlebten sie beim ersten Schritt nach draussen einen „Fährtenflash“ und verwandelten sich in nicht mehr ansprechbare Komplettautisten, mit denen nicht ich spazierenging, sondern die mich verschleppten. Mit einer ganz anderen Machart von Hund kam ich im Pfötli zum allerersten Mal in Berührung, mit Pitbulls und American Staffordshire Terriern.Und obwohl einige von ihnen aus den komplett falschen Gründen gehalten und von ihren Haltern – nicht nur – in diesem Sinne missbraucht worden waren, war nicht einer dabei, der das seit 2010 im Kanton Zürich gültige Rassenverbot für mich gerechtfertigt hätte. Im Gegenteil, die „Pfötli-Kampfhunde“ waren meine liebsten Lieblinge. Es sei denn, wir hatten einen Rotti zu Gast.

Nihna &Sie waren DAS Liebespaar im Pfötli: Nihna la Diva und der schöne Sharon, eine Dogo-Amstaff-Dame und ein wunderschöner Amstaff Jüngling. amp; Sharon

Nihna &Sie waren DAS Liebespaar im Pfötli: Nihna la Diva und der schöne Sharon – eine Dogo-Amstaff-Dame und ein wunderschöner Amstaff Jüngling.

 

Als klassische Diva konnte es Nihna selbstverständlich nicht dulden, wenn nicht sie im Mittelpunkt des filmischen Interesses stand, da war sie sehr eigen.

Etwas, an das ich mich erst einmal gewöhnen musste: Die Liebe zwischen Amstaffs&Co. ist laut, eher grob und von intensivem Zahneinsatz begleitet.

Zwischen zwei Leidenschaftsanfällen konnten die beiden aber auch ganz einfach mal miteinander entspannt rumhängen.

Aber sie währt ein Leben lang. Sharon hatte noch 2009 einen wunderbaren Platz bei Karin gefunden. Nihna musste länger warten, bis sie in ihr neues Zuhause einziehen konnte, in dieser Zeit kamen Sharon und Karin sie regelmässig besuchen, und wie man sehen kann: die Zuneigung zueinander hatte nicht an Biss verloren.

Achja, der Yaros. Er gehört zu den Hunden, die am längsten bei uns waren bevor sie ihren Lebensplatz fanden. Das lag nicht zuletzt an dem 2010 in Zürich in Kraft getretenen Rassenverbot: Yaros ist ein Labi-Pit- oder -Amstaff-Mix mit einem verbotenen Anteil von mehr als 10%. Obwohl kein Rottweiler, hing ich ganz doll an ihm, Yaros hatte mit ganz viel Training eine derart grossartige Entwicklung im Pfötli hingelegt, dass er quasi ausser Konkurrenz lief.

Achja, der Yaros. Er gehört zu den Hunden, die am längsten bei uns waren bevor sie ihren Lebensplatz fanden. Das lag nicht zuletzt an dem 2010 in Zürich in Kraft getretenen Rassenverbot: Yaros ist ein Labi-Pit- oder -Amstaff-Mix mit einem verbotenen Anteil von mehr als 10%. Obwohl kein Rottweiler, hing ich ganz doll an ihm, Yaros hatte mit ganz viel Training eine derart grossartige Entwicklung im Pfötli hingelegt, dass er quasi ausser Konkurrenz lief.

 

Rottweiler gehören ihrer Grösse, Kraft und ihres negativen Images wegen nicht eben zu den leicht vermittelbaren Hunden. Vor allem, wenn sie erst eimal erwachsen sind und ihre Vorgeschichte nicht bekannt ist. Andereseits interessieren sich Menschen häufig aus den falschen Gründen für diese Rasse, was sie in der Pfötliphilosophie als Halter ausschliesst. Beides zusammen führte dazu, dass Rottweiler meist recht lange im Pfötli blieben – der Rottivirus also ausreichend Zeit hatte zu wirken, und ich alle guten Vorsätze der gleichmässigen Verteilung meiner Zuneigung schlagartig vergass. Und mittlerweile existierte zwichen dem Pflegeteam und mir die Abmachung: Ich geben „meinen“ Rotti nur her, wenn dann auch wieder ein neuer aufgenommen wird. Das war natürlich nicht ernst gemeint. Jedenfalls nicht ganz.

Und das hier sind alle meine Pfötlirottis v.B. (vor Basinski)

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Tja, und dann kam die SMS von Chrigi. An einem saukalten Mittwoch. Vier Tage vor meinen Pfötlidienst. Zwei annabelle-Arbeitstage lang bin ich schier verbritzelt vor Neugier, am Freitag hielt ich’s nicht mehr aus, schrieb Chrigi, dass ich schon heute vorbeikommen wolle, um den Neuen kennenzulernen, ob das okay sei. Es war okay, und ich wette, Chrigi hat beim Lesen meiner SMS gegrinst.

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Ein Anmerkung in eigener Sache: Aus privaten Gründen lag dieser Blog eine ganze, zu lange Weile still. Und aus dem selben Grund bin ich nicht dazu gekommen, allen, die mir ihre Geschichten geschickt haben zu antworten. Das tut mir sehr leid, und ich werde meine Pendenzen in den kommenden Wochen abbauen. Danke für euer grosses und grossartiges Verständnis.
Als nächstes bei „Basi & ich“: Warum mein erstes Treffen mit Basi ganz schön frostig ausfiel. Die einzelnen Kapitel aus meiner Glücksbiografie  erscheinen in unregelmässigen Abständen, abwechselnd mit den vielen tollen Geschichten von euch, mit denen ihr diese Kampagne unterstützt. Und mit Antworten auf so wichtige Fragen wie: „Woran erkenne ich ein gutes Tierheim?“ Als nächstes kommt aber ihr mit einer Geschichte zu Wort. Und selbstverständlich freuen die Tierheimtiere und ich uns weiter über eure Geschichten. Wer mitmachen will, so geht’s!

Kapitel 1 von Basi&ich: „Am Anfang war der Pudel“ oder „Jeder fängt einmal klein an“

 

 

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