„Ich zeige ungern mit dem Finger auf andere Länder!“

Von martina monti, 26. November 2012

Das sagt Susy Utzinger,  Tierexpertin, Journalistin und streitbare Stimme für den Tierschutz.

Kennengelernt habe ich sie durch meine Arbeit fürs Tierheim Pfötli: Susy hat den TierRettungsDienst und das Pfötli 1993 aufgebaut und ist heute Stiftungsratspräsidentin der Stiftung TierRettungsDienst – Leben hat Vortritt. Seit 2001 engagiert sich die 43jährige mit der Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz SUST für die Verbesserung der Qualität von Tierheimen und Tierschutzprojekten im In- und Ausland. Zu diesem Zweck reist sie mehrmals im Jahr mit einem Team aus Tiermedizinern und -sachverständigen (eine Pfötlidelegation ist so gut wie immer dabei) sowie tatkräftigen Freiwilligen vor Ort. Im Gepäck Materialspenden, Baumaterial, Werkzeuge, Equipment für die medizinische Versorgung der Tiere – und jede Menge Know-How. Auf einem Einsatz in Rumänien wurde die SUST-Crew eine Woche lang von SF1-Reporter Patrick Schellenberg begleitet.
Die Reportage „Tierischer Einsatz – Mit Tierschützerin Susy Utzinger in Rumänien“ wird heute Abend, 23.45 Uhr, auf 3sat zu sehen sein. Wem das zu spät ist, hier der Link zum Sendearchiv von SF1, wo die Reportage am 21. Oktober Premiere hatte.

Susy, Tierschutz ist meist nicht von grossem medialen Interesse und geschieht deshalb meist unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. Eine Ausnahme war die EM in der Ukraine. Zahlreiche Tierschutzorganisationen haben sich dort vor allem mit Kastrationsaktionen engagiert, im Internet haben Petitionen für Druck auf EM-Veranstalter und -Sponsoren sowie lokale Behörden gesorgt. Eine Erfolgsstory für den Tierschutz?
Was die vergleichsweise grössere Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit angeht, sicher ja. Von einer Erfolgsstory im Sinne des eigentlichen Tierschutzes können wir aber erst dann sprechen, wenn die Kastrationsaktionen längerfristig durchgeführt werden können und die Tötungsaktionen ein für allemal der Vergangenheit angehören.

Aber die Aktionen der zahlreichen Tierschutzorganisationen sind  ja auf Langfristigkeit angelegt.
Das sind sie, aber das öffentliche Interesse leider nicht. In der Ukraine ist das geschehen, was vor fast jeder EM oder WM in einem Land passiert, in dem Tierschutz gesetzlich und behördlich keinen grossen Stellenwert hat: Strassenhunde werden grausam getötet um das Strassenbild zu verschönern; Menschen, die sich bis anhin nicht für das Hundeproblem in dieser Region interessiert haben, sind schockiert und schreien auf „da muss man was tun“; die EM/WM geht vorbei; die Story ist nicht mehr interessant und verläuft im Sand; die Unterstützung der Kastrationsaktionen wird kleiner und kleiner; bis zur nächsten EM/WM – dann geht die ganze Geschichte in einem anderen Land von Neuem los.

Generell gelten die osteuropäischen Länder als Entwicklungsländer, was den Tierschutz betrifft. Wie beurteilst du die Situation aus deiner Erfahrung?
Meine Tierschutz-Erfahrungen mit den osteuropäischen Ländern beschränken sich auf Ungarn und Rumänien. In Ungarn haben wir viele Jahre Einsätze geleistet und durften zu vielen massiven Verbesserungen im Tierschutzbereich beitragen. Ungarn und Rumänien habe ich als ausserordentlich hundefreundliche Länder mit sehr engagierten und fähigen Tierschützern kennen gelernt. Kollektive Tierquälereien, wie wir sie in Südeuropa regelmässig beobachten müssen, kommen hier weniger vor. Das grosse Problem in diesen Ländern scheint zu sein, dass sehr viele Leute Hunde halten, diese aber nicht kastrieren lassen können oder wollen. Das Resultat sind unerwünschte Welpen und unzählige ausgesetzte Hunde – und schlussendlich grosse Massen von Strassenhunden, die sich weiterhin stark vermehren. Ganz grundsätzlich zeige ich aber ungern mit dem Finger auf andere Länder,schliesslich kämpfen wir hier in der wohlhabenden, tierliebenden Schweiz seit Jahren darum, Katzen zu kastrieren anstatt sie zu töten. Immer noch sind die Schweizer Tierheime mit unerwünschten Katzen überfüllt und es werden in der Schweiz immer noch unzählige verwilderte Katzenkolonien getötet und jedes Jahr tausende von unerwünschten Jungkatzen umgebracht. Darüber sprechen wir Schweizerinnen und Schweizer ungern – und sehr häufig verleugnen wir diese Tatsache schlicht und ziehen lieber über die Vorgehensweisen der Ausländer her.

Die SUST ist seit einiger Zeit im rumänischen Galati aktiv, wo auch die SF-Reportage gedreht wurde. Wie geht es den Strassenhunden dort?
Die Situation der einzelnen Strassenhunde ist solange in Ordnung, wie sie stark und gesund sind: Sie leben frei in Gruppen, können sich offenbar mit Futter versorgen und werden von der Bevölkerung weitgehend akzeptiert. Wenn die Tiere alt oder krank werden, dann leiden sie – niemand kümmert sich um sie. Ausserdem vermehren sie sich ungehindert. Dies hat eine richtiggehende Hundeschwemme zur Folge, die verschiedene Probleme nach sich zieht: Futter wird knapp, die Bevölkerung fühlt sich belästigt (und greift zu teilweise schrecklichen Vertreibungs- und Tötungsmethoden), Krankheiten grassieren. Hier besteht ganz klar Handlungsbedarf: Allerdings ist die Lösung ganz bestimmt nicht, sämtliche frei lebenden Hunde bis zu ihrem Lebensende in Tierheime zu sperren oder wahllos Tötungsaktionen durchzuführen, sondern vielmehr, die Vermehrung der Tiere durch grossangelegte und langfristige Kastrationsaktionen einzudämmen.

Wenn man sich die Bilder eures Einsatzes im Tierheim Help Labus ansieht, bekommt man den Eindruck, dass die Lebensbedingungen für die Tiere verglichen mit unseren Tierheimen ziemlich übel sind…
Hätte ich nicht schon viele verschiedene Tierheime auf der ganzen Welt gesehen, hätte ich vermutlich auch diesen Eindruck gehabt. Wenn man ein Tierheim allerdings mit professionellen Augen anschaut, dann lernt man, diejenigen Punkte zu kontrollieren, die für die Hunde wichtig sind und nicht für unser Auge: Verrostete Gitter sind nichts Schönes, aber nicht das Hauptproblem dieser Tiere, ebenso sehen gekochte Essensreste in den Hundenäpfen unschön aus, den Hunden aber schmeckt’s und sie werden mit allem versorgt, was sie brauchen. Relevant für die Beurteilung eines Tierheimes ist schlussendlich, ob die wesentlichen Punkte für die Hunde gegeben sind: Die Tiere leben in Gruppen, haben den Umständen entsprechend Auslauf, Licht und frische Luft, erhalten genügend Futter, sind kastriert und werden veterinärmedizinisch versorgt. Dies ist für ein Heim, das 800 Hunde unter den gegebenen Umständen in Rumänien betreut eine Wahnsinns-Leistung. Natürlich gibt es sehr viel zu verbessern und tatsächlich ist die Tierschutzsituation in Rumänien anders als sie es zum Beispiel in der Schweiz ist – das ist unbestritten und wir wünschen uns alle sehr, dass wir in diesem Tierheim noch viele Fortschritte bewirken können.

Woher kommen eigentlich diese Hunde im Help Labus?
Im Tierheim werden Hunde aufgenommen, die auf der Strasse keine Zukunft haben. Tiere zum Beispiel, die in Familien aufgewachsen sind und dann rausgeworfen wurden. Solche Tiere haben auf der Strasse keine Chancen. Ausserdem leben auch ganze Gruppen von Hunden im Heim, die früher in einer Gegend gelebt haben und dort getötet werden sollten. Diese Tiere werden dann meist von ihren Strassenbetreuern ins Heim gebracht und dort weiterhin betreut.

Haben diese Hunde eine Chance auf Vermittlung?
Eine Chance auf eine Adoption haben sie momentan kaum – viele von ihnen bleiben bis zu ihrem Lebensende im Tierheim.

Welche Unterschiede in der Funktion oder ihrer Rolle für die Tiere und die Gesellschaft siehst du zwischen z.B. einem Tierheim wie dem Pfötli und einem Tierheim in Rumänien oder Ägypten?
Das Erstaunliche ist, dass alle Tierheime genau die gleiche Rolle übernehmen: Sie müssen bestehen, weil sich die Bevölkerung nicht genügend um ihre Tiere kümmert. Ganz egal, ob es ein nahezu perfektes Tierheim in der Schweiz ist oder eines, das in Rumänien 800 Hunde mehr schlecht als recht unterbringt – sie alle haben die gleiche Aufgabe: Sie nehmen Tiere auf, denen es aufgrund von menschlichem Fehlverhalten schlecht geht.

Wie viele Tierheime unterstützt die SUST aktuell?
Wir führen aktuell rund 140 Dossiers von Schweizer Tierheimen und ebenso viele von ausländischen Tierheimen und Tierschutzprojekten. Und es gehen täglich neue Hilfegesuche bei uns ein. Das geht von kurzen Nachrichten mit dem Inhalt „He, schicken Sie bitte Geld, dort hat es viele Hunde“ bis hin zu umfassenden Projektbeschrieben.

Und worin besteht eure Unterstützung?
Die Zusammenarbeit mit den einzelnen Tierheimen und ihre Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich: Das geht von einzelnen Materialabgaben und kostenlosen Futterlieferungen über die schrittweise Beratung in Organisation und Aufbau des Betriebes bis hin zu Weiterbildung des Personals und intensiver Zusammenarbeit. Oft führen wir in Schweizer Tierheimen einzelne Arbeitstage mit Hilfsteams unserer Stiftung durch und/oder finanzieren Um- und Ausbauten. In ausländischen Tierheimen verbringen wir mit unseren Teams meist mehrere Tage und haben bei dieser Arbeit die Gelegenheit, intensiv mit dem Personal vor Ort zusammenzuarbeiten, Fachkräfte aus- und weiterzubilden, bauliche Veränderungen zu planen, Arbeitsabläufe zu optimieren und Gespräche mit den Behörden zu führen.

Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du ein Projekt übernimmst?
Auslöser für die Übernahme eines Projektes sind Kriterien, die mehr gefühlt als geschrieben werden können. Tierliebe, Verantwortungsbewusstsein und Fachwissen sind elementare Punkte, über die wir uns mit den Tierschützern vor Ort einig sein müssen. Schlussendlich sind auch Faktoren wie Leidenschaft und Intelligenz wichtige Elemente, die in einem Projekt erkennbar sein müssen.

Intelligenz?
Ein Tierschutzprojekt, in dem es zum Beispiel um eine Tierheim geht, steht und fällt immer mit seinem Leiter, seiner Leiterin: Tierliebe alleine reicht für die Leitung eines solchen Projektes nicht aus. Wir müssen in der Lage sein, gemeinsam sinnvolle und mögliche Pläne für die Zukunft eines Projektes zu erstellen. So etwas wird individuell aufgrund der aktuellen Situation im Heim, aber auch aufgrund der kulturellen, politischen und sozialen Umstände der jeweiligen Region erstellt. Zusätzlich müssen wir in ständigem Kontakt bleiben. Schlussendlich jedoch ist der Erfolg eines solchen Projektes auch immer offen.

Was hat im Fall Help Labus dafür gesprochen, das in der Reportage zu sehen ist?
Zum einen können wir auf die Unterstützung von sehr gut ausgebildeten Tierärzten vor Ort zählen – ein sehr wichtiger Faktor – und zum anderen hat uns Tierheimleiterin Corina Grigore mit ihrem Fachwissen und ihrem Elan überzeugt: Sie kennt jeden einzelnen ihrer fast 800 heimatlosen Hunde mit Namen, weiss über jedes Schicksal Bescheid und kennt die Charaktere der einzelnen Tiere. Wichtiger als eine schöne Infrastruktur ist es, die Tiergruppen optimal zusammen zu stellen und das Wesen der einzelnen Tiere zu berücksichtigen. Ich habe in so genannt „vorbildlichen“ Tierheimen Hunde gesehen, die an Vernachlässigung einsam zu Grunde gingen: Sogar vergoldete Gitterstäbe können Herz und Verstand für Tiere nicht ersetzen.

Woraus besteht ein Unterstützungsprojekt für ein Tierheim wie Help Labus im einzelnen, was sind in der Regel die ersten Schritte?
Ein solches Projekt kann nicht vom Schreibtisch aus angegangen werden: Als erstes muss ein SUST-Team vor Ort mehrere Tage in einem solchen Tierheim mitarbeiten, damit die Probleme analysiert und Lösungswege formuliert werden können. In den meisten Heimen sind Erste Hilfe an den Tieren, Endo- und Ektoparasitenbehandlungen sowie Kastrationsaktionen nötig. Danach werden Probleme mit der Futterbeschaffung, Wasser- und Stromversorgung sowie bauliche Optimierungen angeschaut. In vielen Fällen ist auch die Bewilligung der Behörden ein Problem. Eine Tierheimunterstützung erfolgt Schritt für Schritt: Wir bieten für gewisse Punkte Unterstützung, wollen aber auch gewisse tierschützerische Zusagen, stellen also Forderungen. Wenn unsere Tierschutz-Bedingungen erfüllt wurden, können die nächsten Schritte der Unterstützung geplant und durchgeführt werden.

Bei Tierschutzeinsätzen geht es immer auch um Geld, entweder in Form von finanzieller Unterstützung oder Materialspenden. Wer kontrolliert, ob beides vor Ort im Sinne der SUST eingesetzt wird?
Dafür stehen wir mit unserem Namen ein. Geld wird zum Beispiel nicht an Projekte überwiesen, sondern es werden wenn immer möglich direkt Rechnungen von Herstellern oder Lieferanten beglichen, und zwar für Leistungen, die in Absprache mit uns stattfanden. Zusätzlich haben wir Kontakte zu verschiedenen Vertrauenspersonen vor Ort, die ebenfalls immer wieder Kontrollen durchführen. Die Verwendung der Sachspenden können wir zum einen anhand der Bilder, die wir immer wieder aus unseren Projekten erhalten überblicken und zum anderen treffen wir in unseren Einsätzen auch immer wieder auf Material aus unserem Lager.

Seit wann unterstützt du Help Labus und in welchem Zustand befand sich das Tierheim, als ihr es zum ersten Mal besucht habt?
Das Tierheim Help Labus haben wir im Sommer 2011 zum ersten Mal besucht. Es ist ein Tierheim, das lediglich über die einfachsten Grundbedingungen verfügt und unglaublich viele Schützlinge betreut. Es gibt im Tierheim kein fliessendes Wasser, Strom kann nur über einen Generator erzeugt werden und die 800 heimatlosen Hunde werden zum grossen Teil im Freien gehalten und mit Essensresten aus den örtlichen Spital und aus Schulen gefüttert.

Seit ich auf tierisch@pfötli im September 2011 über euren Einsatz berichtet habe, was hat sich seither getan?
Wir sind nach unserem Einsatz, den wir jetzt im Juli abgeschlossen haben sehr erfreut über das politische Interesse, das wir in der Stadt Galati wecken konnten. Der Regierungsrat und der Bürgermeister dieser Stadt wurden vor Kurzem neu gewählt und gewährten uns einen Termin. Die Hundeproblematik ist auch in der Politik ein ständiges Thema und beide Politiker waren an unseren Ausführungen und Informationen interessiert und begleiteten uns spontan zu einem Besuch ins Tierheim Help Labus. Zusätzlich verschafften Sie uns die Möglichkeit, die Tötungsstation der Stadt zu besuchen, ein Ort, den beide Politiker noch nie betreten hatten. Regierungsrat Nicolae Dobrovici-Bacalbasa und Stadtrat Marius Stan haben uns zugesagt, sich für dieses Problem im Sinne des Tierschutzes einzusetzen und mit Corina Grigore zusammen zu arbeiten. Momentan ist ein Rapport zur Hundesituation der Stadt durch Frau Grigore in Arbeit. An einem einzigen Morgen konnten wir gemeinsam mit den rumänischen Tierschützern viel in diesem Bereich erreichen: Der Weg für Kastrationsaktionen der Strassenhunde und gegen Tötungsaktionen scheint ein kleines Stück geebnet.

Ist absehbar, wann das Projekt Help Labus für die SUST abgeschlossen ist? Was sind die Voraussetzungen dafür?
Das Projekt Help Labus ist auf gutem Weg, aber noch lange nicht abgeschlossen. Ob sich unser Traum, neue Infrastruktur für dieses Heim aufzubauen erfüllen wird, steht momentan noch in den Sternen. Im Augenblick sammeln wir erst mal Geld für neue Hundehütten: Die nasse und kalte Jahreszeit kommt schon bald und die wenigsten der 800 Heimhunde verfügen über anständige Hütten, in denen sie Schutz vor Wind, Regen und Schnee finden. Häufig können sie sich nur unter lose zusammengestellte Bretter zurückziehen. Eine schreckliche Vorstellung, wenn man sich an die Bilder aus dem letzten Winter erinnert, in dem das Tierheim unter zwei Metern Schnee versank.

Nach der Reportage auf SF werden sich vielleicht viele Menschen fragen, wie sie die Arbeit der SUST für das Tierheim Help Labus in Rumänien konkret unterstützen können, was stehen als nächstes für Arbeiten in Galati an?
Ein wichtiges und dringendes Projekt, das in Galati ansteht, ist die Erweiterung des Tierheims, bei dem es um eine Verbesserung der Infrastruktur geht, nicht darum, mehr Hunde aufzunehmen. Ausserdem sammeln wir immer noch Geld für winterfeste Hundehütten, eine Dreier-Hundehütte kostet umgerechnet 41, eine Einer-Hundehütte 27 Franken. Übrigens werden Hundehütten nicht nur in diesem Tierheim dringend gebraucht und auch nicht nur im Winter. Wer uns und unser Engagement unterstützen will, kann das also das ganze Jahr über tun.

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