Schweizer sind gegen Tierversuche an Hunden

Von martina monti, 26. Januar 2012

Erst Tierversuchsopfer, dann Sparopfer: Letzten November gabs an dieser Stelle einen Beitrag über einige Dutzend Laborbeagles bei Novartis, die der Konzern aus Kostengründen loswerden will, und deren Schicksal – Verkauf an andere Labore, Tierheim, Vermittlung, Einschläfern – nach meiner Kurzrecherche im Internet bis jetzt noch nicht entschieden ist. In diesem Zusammenhang ist das Ergebnis einer Umfrage interessant, die von den „Ärztinnen und Ärzten für Tierschutz in der Medizin“ ATM durchgeführt wurde.

ATM ist eine Tierschutzorganisation, in der sich Human-, Veterinär- und Zahnmediziner für eine weitestgehende Reduzierung von Tierversuchen zugunsten alternativer Methoden einsetzen, Zitat aus der Kurzvorstellung auf der Homepage: „Aufgrund unserer Ausbildung und praktischen Erfahrung sind wir in der Lage, den behaupteten Nutzen von Tierversuchen  realistisch einzuschätzen und zu bewerten. So müssen wir auch erkennen, dass zahllose Tierversuche unverantwortlich sind.“ Und fragwürdig. Für die 2007 innerhalb der EU in Kraft getretene Verordnung (REACH) zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien werden voraussichtlich an die 13 Millionen Wirbeltiere in Versuchen eingesetzt werden, um die Giftigkeit von Altchemikalien zu testen. Dabei ist die Übertragbarkeit der Ergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen nach wie vor umstritten.

Ein paar Fakten zu Tierversuchen an Hunden

In ihrer repräsentativen Umfrage ist die ATM der Frage nachgegangen, zu welchem Zweck Schweizerinnen und Schweizer Tierversuche an Hunden akzeptieren. Um einen kurzen Einblick in die Statistik betreffend Tierversuchen an Hunden zu geben, hier mal die wichtigsten Kennzahlen: 2010 wurden in der Schweiz 3102 Versuche an Hunden registriert. Abzüglich der harmloseren Versuche wie die Entnahme von Blut und Gewebeproben bleiben laut ATM 278 mit mittelschwerem und sechs mit sehr schwerem Leiden für den Hund. EU-weit belaufen sich die Zahlen auf 21315 (2008) und in den USA auf 72000 (2007).  Der Hund gilt u.a. als das ideale Versuchstier, um Pestizide zu testen, als am „besten geeignet“ für Versuche gilt der Beagle. Er ist gutmütig und aufgrund seiner eher kleinen Körpergrösse „handlich“, deutlich grösser, aber aufgrund seines verträglichen Wesens ebenfalls gefragt ist der Golden Retriever. Bemerkenswert im Zusammenhang mit den Statistiken ist, dass nur ein Bruchteil der Tierversuche Eingang in wissenschaftliche Publikationen findet. So fanden sich von den 21315 in der EU für Studien eingesetzte Hunde nur 800 in entsprechenden Publikationen wieder. ATM geht davon aus, dass höchstwahrscheinlich viele Studien mit unerwünschten Resultaten nie publiziert wurden. In diesem Fall hätten die Hunde völlig umsonst gelitten.

Hundehalter wollen nicht von Tierversuchen profitieren

Jetzt zu den Ergebnissen der Meinungsumfrage. Hierfür wurde nach Tierversuchen an Hunden für Hunde, für Menschen und für Giftigkeitstests von Produkten unterschieden. Befragt wurden 1012 Personen ab 15 Jahren, 106 davon sind selber Hundehalter. Auf die Frage „Sollen Tierversuche an Hunden durchgeführt werden, bei denen diese sicher leiden, um später vielleicht Krankheiten von Hunden besser behandeln zu  können?“ antworteten 70% aller Befragten und 89% der Hundehalter mit „Nein“. Vor allem die zweite Zahl ist insofern interessant, als sich hier die Bevölkerungsgruppe gegen die „Hund-für-Hund“-Versuche ausspricht, die am meisten von ihnen profitieren würde. Die zweite Frage: „“Sollen Tierversuche an Hunden durchgeführt werden, bei denen diese sicher leiden, um später vielleicht Krankheiten von Menschen besser behandeln zu  können?“ Hier antworteten 65% der Gesamtheit und 79% der Hundehalter mit „Nein“. Am deutlichsten fiel die Ablehnung bei Frage drei aus: „Sollen Tierversuche an Hunden durchgeführt werden, bei denen diese sicher leiden, um später vielleicht die Risiken von Giften wie Pestiziden besser abschätzen zu können?“ 79% aller Befragten lehnen diese Versuche ab sowie 88% der Hundehalter.

Erforschung von Alternativmethoden muss gefördert werden

Grundsätzlich stellt ATM eine grosse Diskrepanz zwischen dem Willen der Schweizerinnen und Schweizer und der Realität eines weit verbreiteten Gebrauchs des Hundes als Versuchstier fest. Entsprechend fordert die Organisation, dass der Volkswille anerkannt und von Forschung wie Politik umgesetzt wird. Konkret soll die Pharmaindustrie auf Alternativmodelle umsteigen, wofür die Politik einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen hat. Einen ersten Schritt sieht ATM darin, dass mehr Forschungsgelder in die Entwicklung von Alternativmethoden gesteckt werden. Auch dazu mal eine Zahl: von 101 im Frühjahr 2010 vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Projekten im biomedizinischen Forschungsbereich beinhalteten 60 Projekte Arbeiten mit Zellkulturen und – immer noch! – 53 sahen Tierversuche vor.

Ineffizient, unzuverlässig und mittlerweile unnötig

Zur Untermauerung ihrer Forderungen führt ATM Argumente ins Feld, die vor allem die Ineffizienz und zum Teil mangelnde Zuverlässigkeit vieler Versuche an Hunden kritisieren und auf die Möglichkeit von Alternativen hinweisen, die – entgegen der Aussagen der Pharmaindustrie  – bereits heute durchführbar wären. Zwei Beispiele.

Stichwort „Ineffizienz“: Der Hund ist noch heute das Standardtier, an dem Medikamente getestet werden, wenn man mit den Tests an Nagern fertig ist. Man spricht von der ‚second species‘.

43% der Nebenwirkungen können vorausgesagt werden, wenn man alleine an Mäusen/Ratten testet.
63% der Nebenwirkungen werden erkannt beim Test allein an der ‚second species‘, also meist Hunden oder Affen.
71% der Nebenwirkungen werden erfasst mit der Kombination von Tests an Nagern und der ‚second species‘, meist dem Hund.

Das heisst mit anderen Worten: 29% der Nebenwirkungen, also knapp ein Drittel bleiben auch im kombinierten Tierversuch unentdeckt.

Es gibt Alternativen

Stichwort „Alternativen“, zum Ersten: Allergan ist der Hersteller von Botox, einem Medikament mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Franken pro Jahr, zu dessen Herstellung aber qualvolle Mäusetests notwendig sind. Dies wurde von ATM, aber auch von zahlreichen weiteren Tierschutzorganisationen in vielen Ländern beanstandet. Aufgeschreckt von einem kritischen Artikel zu Botox, den ATM  in der Schweizerischen Ärztezeitung veröffentlichte, schickte Allergan noch im Jahr 2008 von höchster Stelle einen Brief an die Tierschutzorganisation. Hierin legte das Unternehmen auf mehreren Seiten dar, warum es unmöglich sein werde, den qualvollen Mäusetest in den nächsten Jahren zu verlassen. 2011 widerlegte Allergan diese Argumente gleich selbst: der Hersteller verkündete, eine Alternativmethode entwickelt zu haben, bei der man auf 95% der Tierversuche verzichten kann.

Alternativen, die Zweite: Forscher des Fraunhofer-Instituts in München haben eine neue Testmethode entwickelt, die Tierversuche überflüssig macht. Dabei wird eine neue Technologie verwendet – eine Kombination aus In Vitro-Zellkulturen und Nanotechnologie -, um die Energielevel der Zellen zu messen und festzustellen, wie gesund sie sind. Das bedeutet: Um Chemikalien auf Wirksamkeit und Risiken zu testen, müssen schon bald keine Tiere mehr leiden. Vorausgesetzt Behörden und Industrie ziehen mit.

Es geht also. Wenn auch leider nicht ohne öffentlichen Druck. Wie so häufig. Aber die schlechte Nachricht ist auch die gute: öffentlicher Druck wirkt. Dranbleiben auch. Selbst und erst recht bei einem Goliath wie der chemisch-pharmazeutischen Industrie, denn:

Tierschutzorganisationen brauchen langen Atem

Durch das Schaffen von Öffentlichkeit und beharrliches Lobbying hat es beispielsweise die „European Coalition to End Animal Experiments“ ECEAE, ein Zusammenschluss europäischer Tierrechtsorganisationen, geschafft, die Aufnahme moderner Ersatzmethoden für Tierversuche in die Gesetzgebung zu fördern. Und im Zusammenhang mit der oben erwähnten EU-Verordnung REACH konnte die Organisation beispielsweise 120 Ratten davor zu retten, 90 Tage lang Gift inhalieren zu müssen. Ihr Tod wäre so sinnlos gewesen wie der Test insgesamt. Weil es den, respektive die Testergebnisse längst gibt. 120 gerettete Ratten mögen für sich betrachtet nicht mehr als Peanuts sein angesichts der Millionen von Versuchstieren, die für REACH verbraucht werden (die ursprünglich für die Tests veranschlagten, unglaublichen 54 Millionen (!!) Wirbeltiere konnten laut Wikipedia auf immer noch horrende 13 Millionen reduziert werden.) Entscheidend ist, dass Organisationen wie ATM und ECEAS die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Bereich lenken, in dem vorzugesweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit gewirtschaftet wird.

Jeder Medienbericht, jeder noch so kleine, publik gemachte Erfolg seitens der Tierschutzorganisationen signalisiert der Tierversuchsindustrie, dass sie unter Beobachtung steht. Und dass die Öffentlichkeit um die Machbarkeit von Alternativen weiss und den Chemie- und Pharmaunternehmen sehr gerne beim Umdenken behilflich ist .

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