Ausbildung zur Tierschutzfachkraft

Von martina monti, 23. Januar 2012

Was richtiger oder zumindest sinnvoller Tierschutz ist, darüber hat wohl jeder von uns so seine eigene Vorstellung. Die einen befreien in Nacht- und Nebelaktionen Versuchstiere aus den Laborkäfigen oder retten Hunde aus ausländischen Tierheimhöllen in die Schweiz, andere helfen bei der Erstellung eines regionalen Fledermauskatasters, wieder andere reisen ins Ausland, um die Situation der Tiere mit Kastrationsaktionen und medizinischer Versorgung vor Ort zu verbessern. Das jeweilige Selbstverständnis, das die Vorgehensweise der einzelnen Tierschützerfraktionen bestimmt, ist in den meisten Fällen nicht verhandelbar: Jeder und jede glaubt, auf seine Weise das Richtige zu tun, ob militanter Tierschützer oder gefühlsbetonter Tierfreund. Und so herrscht im heutigen Tierschutz eine Art Kakophonie der Einzelideologien. Als ich mit diesem Blog vor knapp drei Jahren begonnen habe, hatte ich noch keine Ahnung, wie unversöhnlich sich die Tierschutzlager zum Teil gegenüber stehen. Und ehrlich gesagt, ich staune auch heute noch darüber, wie sich Menschen gleicher Motivation in einem Glaubenskrieg verzetteln können, bei dem es letztlich nur noch um den Schutz der eigenen Überzeugung geht – und nicht mehr um den Schutz der Tiere.    

Umso bemerkenswerter, dass Certodog jetzt erstmals einen Lehrgang für Tierschützer anbietet, vorerst mit dem Schwerpunkt Heimtiere. Ziel des Kurses ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine fundierte Wissensgrundlage im Bereich des Tierschutzes zu vermitteln.  Dafür sorgen Expertinnen und Experten aus Theorie und Praxis des Tierschutzes, u.a. Susy Utzinger von der Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz SUST, Sonja Doll Hadorn, Ethologin und Zoologin, Alexandra Spring von der Stiftung für das Tier im Recht TIR sowie Spezialistinnen für die unterschiedlichen Heimtierarten. Ein ganzer Kurstag ist der Tierhaltung in Tierheimen gewidmet und wird im Pfötli stattfinden.

Der Kurs richtet sich laut Ausschreibung an Tierfreunde, die aktiv mit Heimtieren arbeiten und einen sinnvollen, nachhaltigen Tierschutz betreiben und/oder an Tierschutzprojekten aktiv mitarbeiten wollen, aber noch nicht genügend Fachkentnisse in petto haben. Insgesamt dauert der Lehrgang von März bis November, findet jeweils an einem Samstag statt und wird mit einer schriftlichen Prüfung abgeschlossen. Wer die besteht erhält das Zertifikat Certodog® Tierschutz Fachkraft.

So weit, so gut. Bleibt aber trotzdem die Frage: Warum muss man Tiere retten lernen? Und was kann man mit einem solchen Zertifikat anfangen, solange der Begriff Tierschützer kein geschützter Titel ist? Immerhin kostet der Kurs 1390 Franken.

Das hab ich dann auch Susy Utzinger gefragt, die sich in diesem Blog bereits vor einiger Zeit zum Thema „wirksamer Tierschutz“ geäussert hat. Susy ist mit ihrer Tierschutz-Stiftung im In- und Ausland aktiv und gestaltet als Referentin mehrerer Themenblöcke den Lehrgang mit.

Wieso braucht’s denn eine Ausbildung, um Tiere zu schützen? Bis jetzt hat der Tierschutz doch auch ohne funktioniert ….
Diese Frage verdeutlicht bereits das Problem, das im Bereich des Tierschutzes rund um Heimtiere besteht: Viele Menschen gehen davon aus, dass das Betreiben von Tierschutz etwas ist, was jeder von Natur aus kann. Automechaniker, Dachdecker, Krankenschwestern und auch Schreiner machen eine Lehre – Tierschützer hingegen, die machen in vielen Fällen einfach „mal so irgend etwas“ nebenbei. Und weil viele Menschen einfach „mal so“ im Tierschutz vor sich hin probieren, wird die Arbeit von Tierschützern in der Öffentlichkeit wenig anerkannt und häufig belächelt. Viel schlimmer aber ist, dass hier Probleme für diejenigen entstehen, die doch eigentlich geschützt werden sollen: für die Tiere! Ein sehr grosser Teil unserer aktuellen Tierschutzprobleme im Heimtierbereich werden nämlich von selbsternannten Tierschützern verursacht: Massenimporte aus dem Ausland, falsche Platzierung von heimatlosen Tieren, fehlmotivierte und unsachgemässe Mithilfe in Tierheimen, die oft sogar damit endet, dass in einzelnen Tierheimen gar keine freiwilligen Helfer mehr zugelassen werden. Wer glaubt, Tierschutz könne man „einfach mal so mit Probieren“ erlernen, der setzt fahrlässig Tierleben aufs Spiel. Und wer – überspitzt formuliert – davon ausgeht, Tierschutz bestehe daraus, möglichst viele Menschen sehr unhöflich anzugehen und lauthals gegen alles mögliche zu demonstrieren, der schiesst ebenfalls am Ziel vorbei.

Und daran soll ein Lehrgang etwas ändern können?
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Tierliebe, Einsatzwille und Mitleid sind wunderbare Beweggründe, sich im Bereich des Tierschutzes zu engagieren, sie können aber lediglich die Initialzündung für eine wirkungsvolle Tierschutzarbeit sein. Damit die Tierschutzarbeit sinnvoll aufgebaut werden kann, sind ausserdem viel und umfassendes Fachwissen, Verstand und Ausdauer erforderlich.

Tierschutz ist ein weites Feld und betrifft viele Tierarten. Warum geht es in diesem Lehrgang hauptsächlich um Heimtiere?
In diesem Lehrgang werden die Basiskenntnisse für aktive Tierschutz- und Arbeitseinsätze in Tierheimen vermittelt und da trifft man vorwiegend auf Hunde und Katzen und zum Teil auch auf die sogenannten „kleinen Heimtiere“. Es wäre aber auf jeden Fall sehr wünschenswert, in weiteren Modulen auch Kenntnisse rund um Nutztiere zu vermitteln und zusätzlich sind natürlich auch Versuchstiere sowie Pelztiere ein Thema.

Wer sich für den Lehrgang interessiert, muss neben Geld auch Zeit investieren, einerseits für die Präsenztage, andererseits für die Prüfungsvorbereitung. Wie hoch schätzt du den zeitlichen Aufwand in etwa ein?
Die einzelnen Kurstage und ihre Inhalte sind auf der Website ausführlich aufgelistet. Neben den geplanten acht Kurstagen und dem Prüfungstag, die über das ganze Jahr verteilt sind, wird es natürlich nötig sein, dass die Teilnehmer die Inhalte aus den Vorlesungen lernen und damit im Fachwissen, über das ein Tierschützer oder eine Tierschützerin verfügen muss, sattelfest werden. Je nach Vorkenntnissen und Erfahrungen, die die einzelnen Personen mitbringen, wird dies mehr oder weniger Lernaufwand bedeuten.

Der Titel „Tierschutz-Fachkraft“ ist nicht geschützt. Was bringt mir dann dieses Zertifikat?
Das Zertifikat „Tierschutz-Fachkraft“ ist formal betrachtet lediglich die Bestätigung über den absolvierten Kurs-Inhalt und den bestandenen Abschlusstest dieses Lehrganges. Das im Kurs erworbene Wissen hingegen macht aus Tierfreunden wertvolle Tierschutzfachkräfte, die für die Unterstützung von Tierschutzprojekten gesucht und begehrt sind. Helferinnen und Helfer mit einer solchen Wissensgrundlage sind für viele Tierschutzorganisationen äusserst wertvoll und für die effiziente Umsetzung von Projekten enorm wichtig. Auch in den Tierschutzeinsätzen unserer Stiftung bevorzugen wir Tierfreunde mit einem breiten Grundwissen, das sie in die Tat umzusetzen wissen. Denn nur wer dieses Grundwissen mitbringt, ist in der Lage, die Verantwortung für ein Projekt mitzutragen und es letztlich zum Erfolg zu führen. Je härter es zur Sache geht und je anspruchsvoller die Tierschutzarbeit ist, desto weniger haben ausserdem die Fach-Teams in einem Einsatz die Zeit und die Kraft, einzelne Helfer während eines Einsatzes auszubilden, viele Fragen zu beantworten oder sich sogar Grundsatzdiskussionen mit Laien-Helfern und Helferinnen zu stellen. Kurzum: Wem eine nachhaltig wirksame Tierschutzarbeit am Herzen liegt, kann dieses Ziel nur mit einem fundierten Basiswissen erreichen. Insofern dient der Lehrgang letztlich nur in zweiter Linie dem Erwerb eines Zertifikats. Sondern vielmehr denen, um die es doch letztlich uns allen gehen muss: den Tieren, ihrem Wohl und möglichst effizienten und fachgerechten Lösungen für die zahlreichen Herausforderungen im heutigen Tierschutz. 

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