Leben retten neben der Tötungsstation (Tierschutz-Einsatz in Andalusien I/II)

Von martina monti, 13. Mai 2011

Wir kennen die Bilder: Massen von Hunden oder Katzen, eingepfercht auf kleinstem Raum, einige in einem schlechten bis erbärmlichen Zustand, mittendrin Mütter mit ihren Jungen, untergebracht in baufälligen Tierheimen, in denen es auch sonst an allem fehlt, an medizinischer Betreuung, an Planung und Organisation, an Material, Geld und Know-how. Auch wenn keineswegs ausgeschlossen ist, derlei Zustände in unseren Breitengraden anzutreffen, in Süd- und Osteuropa sind sie vielerorts die traurige Bestätigung eines Klischees.

An der Frage, wie dieser Problematik beizukommen ist, scheiden sich die Geister der Tierschützer. Während die einen so viele Tiere wie möglich aus dem Elend rausholen und in die Schweiz bringen, ist das für Susy Utzinger, Gründerin und Geschäftsführerin der Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz SUST, der falsche Weg: „Die Lösung für diese Probleme ist nicht der massenhafte Import von ausländischen Tieren in die Schweiz, sondern die Hilfe vor Ort.“ Gemeint ist damit die qualitative Verbesserung von Tierheimen und Tierschutzprojekten im In- und Ausland, konkret: die Restrukturierung von Tierheimen, Beratung für den Aufbau und die Leitung von Tierschutzprojekten sowie die Weiterbildung von Fachleuten vor Ort.

„Vor Ort“ – das war vor ein paar Wochen ein Tierheim der Organisation „Siempre Kontigo Rota“ in Andalusien. Auch bei diesem Einsatz haben einige Pfötlianerinnen das SUST-Team mit ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung verstärkt. Susy Utzinger hat für tierisch@Pfötli während eines Tages ein Fototagebuch geführt.

Wer noch nie in einem Tierschutzeinsatz gearbeitet hat, kann sich diesen Alltag kaum vorstellen. Und auch die aktiven Tierschützer selber werden immer wieder mit neuen Aufgaben und Situationen konfrontiert. Ein Tag in einem Tierschutzeinsatz in Andalusien.

Rückblick: Während unseres Arbeitseinsatzes in Spanien arbeitete unser Team unter anderem im einem Tierheim in der Nähe von Malaga. Im Lauf der letzten Jahre hatten wir dieses Tierheim immer wieder mit Materialspenden versorgt, jetzt konnten wir direkt vor Ort Hand anlegen: Es wurde Baumaterial finanziert und beschafft, Gitter geschliffen und gestrichen, Mauern gezogen, ganze Räume gefliest, Wände gemalt, Wasserbehälter und Hundezwinger geschrubbt.

Stopp der Tierschwemme: Ein zweites Team kastrierte Hunde und Katzen. Das ist ein besonders wichtiges Thema in dieser Gegend, in der unzählige unerwünschte Tiere auf grausame Art und Weise getötet werden, und in der viele Menschen sich eine Kastration für ihr Tier nicht leisten können. Ausserdem haben wir Hundegebisse saniert, Augenkrankheiten behandelt, uns um Bissverletzungen bei Hunden gekümmert, das Medikamenten-Lager sortiert und Erste Hilfe geleistet, wo es nötig war. Zusätzlich finanzierten und führten wir die Endo- und Ektoparasitenbehandlung sämtlicher Tierheimhunde durch. Wichtige Arbeiten für die Gesundheit der Hunde, die korrekt und regelmässig durchgeführt werden müssen – aber auch schöne Arbeiten, bei denen wir zu den einzelnen Tieren Kontakt aufnehmen und Freundschaften schliessen können.

Heute, am letzten Tag unseres Spanien-Einsatzes, führt uns unsere Reise in ein neues Tierheim und wir sind gespannt auf die spanischen Tierschutz-Kollegen und ihr Projekt:

4.15 Uhr – Tagwache in der spanischen Stadt Mijas – der Blick auf die Stadt liegt noch im Dunkeln. Hier wohnen wir während unseres Tierschutz-Einsatzes in Spanien. Die anstrengende Arbeit der letzten Tage steckt uns noch in den Knochen, aber wir bereiten uns voller Tatendrang auf eine lange Autofahrt und einen spannenden Arbeitstag vor.

5.00 Uhr – pünktliche Abfahrt nach Rota: In der spanischen Stadt Rota– im Südwesten der Region Andalusien – haben wir einen Arbeitstag mit den Tierschützern vor Ort organisiert. Wir alle nutzen die Zeit sinnvoll und holen Schlaf nach, damit wir an diesem einen Tag möglichst viel für die heimatlosen Tiere von Rota erreichen können.

Fahrt durch Andalusien: Wir geniessen die Fahrt durch die fremde, schöne Landschaft.

9 Uhr – Ankunft im Tierheim Rota: Hier wurde durch die Stadt Rota ein neues Tierheim gebaut. Dieses Heim wird den Tierschützern zu Verfügung gestellt: Für die Tierpflege und Versorgung der Tiere müssen sie allerdings in ihrer Freizeit selber aufkommen. Auf den ersten Blick eine tolle Angelegenheit. Wer sich mit Tierschutzarbeit auskennt, der weiss allerdings, dass die Tierschützer unendlich viel Freizeit und Geld in die Pflege der heimatlosen Tiere stecken müssen, um dieser grossen Aufgabe gerecht werden zu können.

Tierheim-Besichtigung: Ein echt tolles Heim, das hier aufgebaut wurde! Bis die heimatlosen Tiere aus dem alten Tierheim hierher übersiedeln können, gibt es allerdings noch einiges zu tun. Uns fallen Punkte auf, über die wir mit unseren spanischen Kollegen sprechen möchten. Unsere Vorschläge werden diskutiert und gerne angenommen.

Aktive Tierfreunde: Die spanischen Tierschützer sind bereits an der Arbeit und wir sind begeistert von ihren Leistungen: Toll, was sie mit Engagement und Fleiss in ihrer Freizeit aufgebaut haben.

Das grosse Schmusen: Natürlich steht auch ausgiebiges Knuddeln mit den ersten Tierheimhunden auf dem Programm. Schön, wie zutrauliche diese jungen Waisenhunde sind. Neben viel nüchterner Planungs- und Alltagsarbeit, geniessen wir es natürlich auch immer wieder, mit einzelnen Tierheimtieren Kontakt zu haben und über einzelne Schicksale informiert zu werden. So vermittelt sich uns aus vielen einzelnen Mosaiksteinchen ein Bild der Tierschutzsituation vor Ort.

Wichtiges Material aus unserem Schweizer Lager: Gestern ist unsere Material-Lieferung hier eingetroffen. Es fehlt an allem und mit den gebrauchten Utensilien aus der Schweiz ziehen wichtige Materialien für den Alltag im Heim ein. Damit sie benutzt werden können, packen wir sie aus und sortieren sie. Es ist schön zu sehen, wie unser Schweizer-Material hier ganz direkt helfen kann.

Rettung für Katzen: Eine katzengerechte Einrichtung ist für ein Tierheim elementar: Im neuen Katzenraum schrauben die SUST-Helfer Bretter an die Wand, damit die Miezen sich auf verschiedenen Ebenen aufhalten und sich gegenseitig ausweichen können. Gerade auf engem Raum können solche Hilfen Stress unter den Tieren vermindern.

Heimatlos und doch heimelig: Mit den Occasions-Katzentoiletten, Decken, Schlafkörbchen und anderen Utensilien aus unserem Schweizer-Tierschutzlager wird der Katzenraum eingerichtet. Die Tiere sollen sich hier wohlfühlen können: Wenn sie überhaupt je ein neues Zuhause finden, werden sie sehr lange darauf warten müssen!

Der Katzenauslauf wird ebenfalls hergerichtet: Hier sponsert die SUST eine Teil-Überdachung des Auslaufes. Mit gutem Grund: Die Tierschützer aus Rota retten pro Woche rund 10 Katzen – der Katzentrakt im Tierheim wird also bald äusserst gut bevölkert sein und muss auch im Aussenbereich vor Regen- oder starker Sonneneinwirkung geschützt sein. Rund 200 heimatlose Katzen sind in Rota momentan auf private Pflegestellen verteilt und warten auf ein gutes neues Zuhause. Auch im Hafen von Rota werden über 100 Büsi durch die Tierschützer betreut (und auch kastriert)

Die schöne Umgebung trügt: Wenige Meter neben dem Tierheim liegt eine Tötungsstation. Diese Station ist zuständig für die Beseitigung von aufgefundenen und unerwünschten Tieren aus 8 Gemeinden. „Es müssen jede Woche hunderte von Tieren sein, die dort auf bestialische Art und Weise getötet werden“ erzählt eine Helferin der Tierschutzorganisation. „Die Katzen werden in einen Korb gesteckt und ertränkt. Auch die Tötungen der Hunde verlaufen schrecklich.“

Die Arbeiten laufen auf Hochtouren: Je mehr Tiere hier im Tierheim aufgenommen werden, desto weniger von ihnen müssen in der Tötungsstation qualvoll sterben. Es wird in allen Tierheim-Stationen gebohrt, gehämmert, geputzt, gemalt, ausgepackt, sortiert, eingeräumt und organisiert was das Zeug hält. Jeder von uns packt mit an, wo er kann und bringt seine Fachkenntnisse und Arbeitseifer mit ein.

Wichtige Bereiche auf kleinstem Raum: Auch einen kombinierten Behandlungs-, Operations-, Separier- und Badebereich richten wir ein. Ein kleiner aber sehr wichtiger Bereich, in dem die Tiere untersucht und behandelt werden können, bevor sie in ihre Station einziehen dürfen.

11.45 Uhr – Kurz vor Mittag ist das Materiallager eingeräumt und bereit zu Benutzung. Diese Ordnung sieht nicht nur schön aus, sie macht auch viel Sinn: Nur wenn alle wichtigen Utensilien auf einen Blick sicht- und greifbar sind, werden sie im Tierheim-Alltag auch eingesetzt und so für die Tiere nützlich werden.

12.00 Uhr – Mittagsruhe unter der spanischen Sonne: Mensch und Hund geniessen die Wärme gemeinsam. Lange halten wir die Ruhe allerdings nicht aus und wollen nun endlich die restlichen Tierheimhunde treffen.

Und hier erwartet das SUST-Team eine Arbeit, bei der die eine oder andere Helferin ihre Sonnebrille auch im Schatten nicht absetzen wird …. (Fortsetzung folgt)

Kommentare