"Tierliebe kann Tierschützern auch im Weg stehen"

Von martina monti, 4. Mai 2011

Es gibt in diesem Blog so eine Art regelmässigen Gast – die Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz, SUST. Dem ist einerseits so, weil die SUST mich regelmässig mit Medienmitteilungen zu aktuellen Tierschutz-Themen oder  Aktionen wie der Osterhennen-Rettungsaktion sowie praktischem Informationsmaterial für Tierhalter und -innen versorgt. Andererseits – und vor allem aber – , weil ich die SUST-Gründerin Susy Utzinger persönlich kenne. Kennen gelernt habe ich die Tierexpertin, Journalistin und streitbare Stimme für den Tierschutz durch meine Arbeit fürs Tierheim Pfötli: Susy hat den TierRettungsDienst und das Pfötli 1993 aufgebaut und ist heute Stiftungsratspräsidentin der Stiftung TierRettungsDienst – Leben hat Vortritt. Seit 2001 engagiert sich die 41jährige mit der SUST für die Verbesserung der Qualität von Tierheimen und Tierschutzprojekten im In- und Ausland. Zu diesem Zweck reist sie mehrmals im Jahr mit einem Team aus Tiermedizinern und -sachverständigen (eine Pfötlidelegation ist so gut wie immer dabei) sowie tatkräftigen Freiwilligen vor Ort. Im Gepäck Materialspenden, Baumaterial, Werkzeuge, Equipment für die medizinische Versorgung der Tiere – und jede Menge Know-How.

Susy und ich laufen uns in unregelmässigen Abständen im Pfötli über die Füsse, und meist befindet sie sich entweder in der Nachbearbeitung oder Vorbereitung eines Einsatzes, oder eigentlich beides – denn nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Die potentiellen Herausforderungen am Einsatzort sind vielfältig: mal sind die Verhältnisse, die das Team vor Ort antrifft der Horror, wird die Arbeit nicht nur körperlich, sondern auch emotional zur Strapaze. Mal verlaufen die Gespräche und Verhandlungen mit Tierheimbetreibern und/oder Lokalbehörden total unbefriedigend, frustrierend, im Sand. So oder so denk ich, dass man schon ein ziemliches „tough cookie“, also verdammt zäh sein muss, um sich nicht beirren zu lassen, dran zu bleiben an der Sache, weiter zu machen und die Nerven zu behalten.

Die Sache mit dem „zähen Keks“ ist übrigens auch der Grund, warum ich Susy in Sachen Einsatzbeteiligung bisher immer einen Korb gegeben habe. Ich fürchte nämlich, dass ich eher der Sorte Weichkeks zuzurechnen bin. Nicht auszuschliessen ist jedenfalls, dass mich der Anblick der ersten, nicht mehr so frischen offenen Wunde bei Hund, Katze, Maus in eine solide Ohnmacht treiben und für den Rest des Einsatzes zur Riechsalzabhängigen machen könnte. Von daher wirds mit der ersten Tierschutz-Blog-Repo mitten aus dem akuten Geschehen meinerseits in absehbarer Zeit nichts werden. Stattdessen habe ich aber Susy gebeten, für tierisch@Pfötli mal einen Tag von einem Einsatz in Wort und Bild festzuhalten. Das Ergebnis, Susys Bildertagebuch über einen Tag im Tierschutzeinsatz in Andalusien, gibts demnächst in diesem Kino, ähm.. Blog.

Zuerst wollte ich aber von Susy wissen, wie hart, wie „tough“ man sein muss, um das zu tun was sie tut. Ein Gespräch über Gefühle im Tierschutz, die verkannten Missstände in der Schweiz und die Gründe, warum Tierschutz kein Exportartikel ist.

Susy, auf die Frage, ob ich dich in der Einleitung zu diesem Interview als Tierschützerin bezeichnen soll, sagtest du „lieber nicht“. Was stört dich an dem Begriff?
An dem Begriff selbst stört mich eigentlich nichts. Ausser vielleicht, dass er sehr unpräzise ist und geradezu inflationär angewendet wird. Wenn man so will, ist jeder, der eine Schnecke von der Strasse trägt, damit sie nicht überfahren wird, ein Tierschützer. Es ist weniger der Begriff, der mich zunehmend stört, als vielmehr manche so genannte Tierschützer, die – sagen wir einmal vorsichtig – eine problematische Auffassung von Tierschutz haben.

Wann wird Tierschutz denn deiner Meinung nach problematisch?
Wenn er als Feld zu Selbstbefriedigung angesehen wird. Dann ist es aber auch kein Tierschutz mehr. Dies geschieht nur leider immer öfter und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass viele der Tierschutzprobleme, mit denen wir zu kämpfen haben, von so genannten Tierschützern verursacht werden.

Du hast 1993 den TierRettungsDienst TRD und das Pfötli gegründet, 2001 die Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz. Ich nehme mal an, man wacht nicht eines Morgens mit der Idee auf „Ich könnte heute eigentlich mal eine Tierschutzorganisation gründen“…?
Jedenfalls war das bei mir nicht so. Ich bin in einer Tierrettungsorganisation aufgewachsen und habe bereits mit acht Jahren die Notfallzentrale betreut. Mit Anfang zwanzig leitete ich Tag und Nacht die Einsatzzentrale der damaligen Tierambulanz, war tagsüber Tierpflegerin, Putzfrau und Sekretärin, nachts fuhr ich Notfalleinsätze für Tiere. Ich arbeitete rund um die Uhr, sieben Tage die Woche – und habe unermesslich viel gelernt über Tiere, ihr Verhalten, die Problematik rund um die Kleintierhaltung, das Fehlverhalten von Menschen sowie über Handling und die Erste Hilfe am Tier.

Eine gute Vorbereitung auf den TRD und das Tierheim Pfötli …
Zumindest wusste ich 1993 bestens, was ich tue. Zu den praktischen Erfahrungen kamen im Lauf der folgenden Jahre dann noch diverse Aus- und Weiterbildungen hinzu, u.a. ein Abschluss als tierpsychologische Beraterin am I.E.T. in Hirzel. TRD und Pfötli sind mir übrigens bis heute besonders wichtig, sie haben mich wesentlich geprägt. Und ich bin sehr stolz auf die beiden Organisationen, die heute in einer Stiftung zusammen gefasst sind. Vor allem aber bin ich stolz auf unser hervorragend ausgebildetes, hoch engagiertes Team, auf das sich Tiere in Not jederzeit voll und ganz verlassen können. Genauso wie ich.

Was gab dann den Ausschlag, mit der SUST eine weitere Tierschutzorganisation zu gründen?
Ich habe damals als Fachjournalistin für Tiere und Tierschutz gearbeitet, sowohl für diverse Printmedien wie auch fürs Fernsehen. Dadurch kam ich mit unzähligen Tierheimen, Tierschützern, Futterproduzenten, Fachpersonen etc. in Kontakt, sah viele verschiedene Einrichtungen und erkannte markante Unterschiede in der Qualität von Tierheimen. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck und der Gewissheit, dass der TierRettungsDienst mittlerweile auf soliden eigenen Beinen stand, gründete ich die “Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz”. Durch diese Stiftung war es mir möglich, die Tierschutzarbeit, die ich im Kleinen privat aufgebaut hatte, im grösseren Rahmen aus- und weiterzuführen: die Optimierung von Tierheimen und Tierschutzprojekten im In- und Ausland. Ich konnte von nun an meine Kontakte und Fachkenntnisse dazu nutzen, Tierfreunden und ihren Projekten “auf die Beine zu helfen” und dazu beitragen, laienhaft aufgebaute Projekte und Tierheime tiergerecht und professionell zu gestalten.

Gabs denn in der Schweiz nicht mehr genug zu tun, dass du mit deinem Engagement quasi über die Grenze gegangen bist?
Nein, über Langeweile kann man sich auch hierzulande nicht beklagen, wenn man sich für den Tierschutz einsetzt. Aber durch meine journalistische Tätigkeit im Ausland hatte ich Einblick in die Tierschutztragödien, die Schweizer Touristen an Feriendestinationen jährlich verursachen. Und ich sah hilflose Versuche von wohlmeinenden Menschen, die inmitten von Unmengen heimatloser Tiere fast untergingen und sich und diesen Tieren nicht mehr helfen konnten. Deshalb wurde ich im Ausland aktiv. Denn die Lösung für diese Probleme ist nicht der massenhafte Import von ausländischen Tieren in die Schweiz, sondern die Hilfe vor Ort. Nur wenn wir das Problem an der Wurzel packen, kann es auch gelöst werden.

In welchen Ländern bist Du aktiv und wie sieht die Unterstützung Deiner Stiftung konkret aus?
Neben der Schweiz unterstützen wir Projekte in Ungarn, Spanien, Italien, Kroatien, Ägypten und einigen anderen Ländern. Unsere Unterstützung findet auf verschiedenen Ebenen statt: Von der theoretischen Tierheimberatung über die Unterstützung beim Aufbau eines Vereines bis zur Materialabgabe und allenfalls zu Hilfs- und Arbeitseinsätzen vor Ort.

Welches sind die hauptsächlichen Ursachen für die Missstände, die du mit der SUST im In- und Ausland angehst?
In vielen Fällen ist fehlendes Fachwissen die Ursache von massiven Missständen und Tierleid in Tierheimen, oft sind es auch Egoismus und/oder fehlende Konsequenz – Tierliebe kann Tierschützern auch im Weg stehen! Deshalb sind der Dialog mit den betroffenen Tierschützern, die Beratung und die Weiterbildung der Fachleute vor Ort auch so eminent wichtig. Und in den ärmeren Ländern ist es ein soziales Problem: Ich kann nicht von jemandem, der zuckerkrank ist und sich kein Insulin leisten kann verlangen, dass er seinem Hund verhältnismässig teure tierärztliche Betreuung zukommen lässt. Genauso hat jemand, der nicht weiss, wie er seine Familie über die Runden bringen soll andere Prioritäten, als für teures Geld Markenhundefutter zu kaufen oder einen Monatslohn für eine Kastration auszugeben.

Ist es demnach denn sinnvoll, unsere Vorstellungen vom Umgang mit Tieren und unsere Tierschutz-Standards in Länder zu “exportieren”, in denen kulturell, wirtschaftlich und sozial ganz andere Rahmenbedingungen herrschen, und in denen es vielen Menschen an Grundlegendem fehlt?
Die Antwort auf diese Frage lautet ganz klar “Nein”. Diese falsche Einstellung, „nur, wenn es läuft wie bei uns, ist es gut “ ist auch der Grund dafür, warum so viele Laien-Tierschutzprojekte im Ausland scheitern – meist unter schrecklichen Umständen. Ein Tierschutzprojekt in einem anderen Land zu unterstützen bedeutet nicht, ein Flugticket zu buchen und vor Ort den Besserwisser zu markieren. Es ist mit sehr viel aufwändiger Vorbereitung verbunden: Wer die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen des Landes und der betreffenden Region seines Projektes nicht kennt und respektiert, wird weder Menschen noch Tieren langfristig helfen können.

Worauf kommt es vor allem an, damit die Zusammenarbeit mit den Tierheimen im Ausland funktioniert?
Da sind grundsätzlich die gleichen Faktoren entscheidend, wie im Inland auch. Zum einen spielen natürlich Menschen eine ganz wichtige Rolle: Wenn wir nicht zusammenarbeiten können und an die gleichen Ziele glauben, ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Zum andern gibt es Regeln, an die man sich zum Schutz seiner Spenderinnen und Spender, aber auch seines Projektes halten muss. Dazu gehört zum Beispiel, dass niemals einfach Geld irgendwohin geschickt wird, sondern vielmehr konkrete Rechnungen bezahlt werden. Von unserer Seite her ist Geduld gefragt – und zwar jede Menge: Missstände, die über Jahre hinweg entstanden sind, werden nicht mit einem einzigen Einsatz und einer einzigen Beratung beseitigt. Genauso wenig wie Tierheimabläufe, die aus Tierliebe entstanden sind – auch wenn sie vielleicht falsch sind. Hier heisst es für uns: Nicht aufgeben und weiter machen – den Tieren zu liebe!

Werfen wir mal einen Blick vor die eigene Tür. Wo steht die Schweiz deiner Einschätzung nach in Sachen Tierschutz?
Die Schweiz liegt wohl im guten Mittelfeld. Dies wäre für ein Drittweltland eine Leistung, für ein reiches Land wie die Schweiz ist es nicht genug. Ein gutes Tierschutzgesetz bedeutet nicht, dass wir nichts mehr zur Verbesserung der Tierschutzsituation in unserem Land beitragen müssen. Wir Schweizerinnen und Schweizer neigen dazu, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen und unsere Kritik zu sehr auf andere Länder zu richten, deren Tierelend wir übrigens zum Teil mitzuverantworten haben. Dabei entgeht vielen von uns, dass auch wir in unserem Land mit grässlichen Missständen zu kämpfen haben. So scheinen momentan zum Beispiel die Katzenkastrationen in der Schweiz stark zurück zu gehen und unzählige Jungkatzen produziert zu werden. Die Tierheime sind übervoll mit heimatlosen Katzen und die tierlieben Schweizerinnen und Schweizer produzieren weiter fleissig kleine Kätzchen, weil sie so süss sind. Dies ist nur eines von vielen aktuellen Problemen in der Schweiz.

Kannst du dich eigentlich noch aufregen oder hast du dich im Lauf deines Engagements verändert, bist mit der Zeit gelassener geworden?
Ich bin durch verschiedene Phasen gegangen. Anfangs bin ich  extremer geworden, dann vermutlich sogar etwas zu distanziert, um mich selber zu schützen und heute habe ich meinen persönlichen Mittelweg gefunden. Ich habe im Laufe der Zeit genügend Fachkompetenz erlangt, dass ich Missstände und oft auch ihre Ursachen auf einen Blick erkenne und mich von Nebensächlichkeiten nicht ablenken lasse. Das mag für Aussenstehende oder Anfänger schnell mal aussehen, als wären wir Profis gelassener.

Besteht durch diese Fokussierung nicht die Gefahr, allmählich abzustumpfen gegenüber dem Elend der Tiere, mit dem du ja sicher regelmässig konfrontiert wirst?
Ich stelle mir auch hin und wieder die Frage, ob ich wohl abstumpfe und ich werde meine Tierschutzarbeit an dem Tag niederlegen, an dem ich sie mit einem “Ja” beantworten muss. Genau betrachtet bin ich sogar sensibler geworden. Und ich erlaube mir durchaus auch hin und wieder zu weinen – das habe ich früher nie zugelassen. Aber ich darf mich und meine Gefühle auf keinen Fall in den Vordergrund stellen: In unseren Einsätzen und unserer Arbeit geht es nicht darum, ob ich mich gerade gut fühle, sondern vielmehr darum, eine Tierschutz-Situation sofort zu analysieren, Prioritäten in der Problemlösung zu setzen und einzugreifen – notfalls eben auch mit Tränen in den Augen.

Wie hat deine Arbeit im Tierschutz das Bild verändert, das du von den Menschen hast, kann man überhaupt gleichzeitig Tiere schützen und Menschen mögen?
Ich engagiere mich seit meiner Kindheit für den Tierschutz und ich hatte, als ich jünger war, durchaus eine Abneigung gegen Menschen entwickelt. Das war wohl eine Begleiterscheinung meiner Telefondienste und Tierrettungseinsätze, bei denen ich es fast ausschliesslich mit schrecklichen Fällen und gefühllosen Menschen zu tun hatten. Heute hat sich meine Einstellung gegenüber Menschen relativiert: Es sind schliesslich Menschen, die meinen Stiftungen Geld spenden und unsere Arbeit damit erst ermöglichen. Und es sind Menschen, die in diesen beiden Organisationen hart für den Schutz der Tiere arbeiten. Ausserdem hat unsere Arbeit ganz direkt mit Menschen zu tun: Wir müssen Tierhalter über richtige Tierhaltung informieren und Tierheimleiter dafür gewinnen, gemeinsam mit uns auf ein Ziel hinzuarbeiten. Eine gute Kommunikation ist zwar nicht immer einfach, aber das A und O unserer Arbeit!

Kann man das, was du tust, eigentlich sein Leben lang machen oder wirst du dich in zwanzig Jahren zum Beispiel der Geranienzucht gewidmet haben?
Keine Ahnung, was das Schicksal für mich bereithält, aber ich bin gespannt. Was ich jedoch sagen kann: Auch heute, mehr als zehn Jahre nach der Gründung der SUST, freue ich mich immer wieder, wenn aus traurigen Tierghettos selbständige und tierfreundliche Einrichtungen mit Zukunftschancen werden. Daneben ist mir die Information von Tierhaltern und Tierfreunden rund um tierschutzrelevante Themen sehr wichtig. Dass ich diese wertvolle Arbeit machen darf, macht mich sehr stolz – dafür gebe ich neben meiner Arbeitszeit mit grosser Freude auch meine Freizeit her. Die Tierschutzarbeit ist aber so unberechenbar, dass ich nicht einmal konkret sagen kann, was ich morgen machen werde. Klar stelle ich immer wieder konkrete Pläne auf die Beine, kommt aber ein dringender Fall rein, müssen die Prioritäten neu gesetzt und sämtliche Pläne auf den Kopf gestellt werden. Was die nächsten zwanzig Jahre angeht, in denen werde ich wohl immer noch im Tierschutz aktiv sein, aber vielleicht in einem anderen Bereich. Ziemlich sicher muss also jemand anders die Geranien züchten.

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